Wirtschaftskriminalität auf höchster Ebene

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Diesen Text habe ich im Jahre 1997 geschrieben.

Wie die USA Westeuropa ausbeuteten

Ende September 1997(?) fand ein Treffen der Weltbank und des IWF in ?? statt. Diese beiden Organisationen halten nach wie vor insbesondere die Länder der Dritten Welt fest in den Klauen der Zinsknechtschaft. Die Weltbank zeichnet bekanntlich für viele Großprojekte in diesen Ländern maßgeblich verantwortlich, die in den meisten Fällen nicht nur aus ökologischer Sicht ein Wahnsinn waren, sondern die Schuldenkrise dieser Länder noch verschärft und damit ihre Abhängigkeit zementiert haben. Aber nicht nur die Entwicklungsländer, auch die Industrieländer Westeuropas wurden heimlich, still und leise von den USA ausgebeutet. Die Grundlage dafür war das Abkommen von Bretton Woods (New Hampshire, USA), das 1944 beschlossen wurde.

In den Medien wurde ausführlich darüber berichtet, wie die UdSSR die Staaten des ehemaligen Ostblocks ausplünderte. Doch niemals war zu hören, daß die USA mit ihren westlichen Verbündeten ähnlich verfuhren. Das kam daher, daß die dabei angewendete Methode wesentlich subtiler und undurchschaubarer, dabei perfider und wirksamer war. „Besser ein Sklave beim Kapitalisten als ein Freier beim Kommunisten“: – dieser Spruch dokumentiert eine Einstellung, die nur mit dem unerschütterlichen Glauben der Märtyrer des Frühchristentums verglichen werden kann. Heute noch sprechen Menschen mit wehmütigem Blick von den Zeiten, als ein Dollar noch 25 öS oder mehr wert war. Die Hintergründe für den fast drei Jahrzehnte dauernden Höhenflug der amerikanischen Währung kennt jedoch kaum jemand.

Während des Zweiten Weltkrieges war der internationale Handels- und Kapitalverkehr weitgehend zusammengebrochen. Das Goldwährungssystem hatte sich überlebt, und eine Wiedereinführung kam nicht in Frage. Auf der Konferenz von B.W. (New Hampshire, USA; 1. bis zum 23. Juli 1944) ging es darum, die währungspolitischen Grundlagen für eine Wiederbelebung und möglichst störungsfreie Entfaltung des internationalen Handels zu schaffen. Stabile Wechselkurse sind eine sicherere Grundlage für außenwirtschaftliche Beziehungen als flexible Kurse — so scheint es zumindest —, und daher sollte ein Währungssystem für die Länder der westlichen Welt geschaffen werden, das diese Bedingungen erfüllt.

Zwei Pläne lagen auf dem Konferenztisch. Der eine stammte von John M. Keynes (1883-1946), einem Engländer, der andere von Harry White (1892-1948), einem Amerikaner. Keynes sah die Schaffung einer unabhängigen internationalen Währung vor, der er den Namen „Bancor“ gab; eine übernationale Währungsreservebank hätte über diese neue Währung wachen sollen. Der White-Plan sah im Gegensatz dazu vor, daß diese Rolle vom US-Dollar übernommen werden sollte.

Keynes war ein Wirtschaftswissenschaftler von Weltruf, White ein relativ unbedeutender Beamter des amerikanischen Finanzministeriums. Trotzdem wurde der Plan von Keynes verworfen. Die USA konnten ihre Interessen durchsetzen und den Grundstein für ihren Aufstieg zur Weltmacht Nr. 1 legen. 44 Staaten nahmen an der Konferenz teil, 29 von ihnen unterzeichneten das Abkommen, in dem die Errichtung des IWF (Internationaler Währungsfond) und der Weltbank beschlossen wurde. Am 27. Dezember 1945 trat das Abkommen schließlich in Kraft. Es besagte u.a. folgendes:

132;Die Währungsparitäten wurden als feste, gegenüber dem Gold oder US-Dollar fixierte Wechselkurse mit Schwankungsbreiten von je 1% nach oben oder unten festgelegt.“ (Brockhaus Konversationslexikon, 1979). Zusätzlich wurde die „Interventionspflicht der Zentralbanken in den Devisenmarkt“ festgelegt. Einerseits wurde also ein fixer Wechselkurs (mit geringen Schwankungsbreiten) zwischen dem US-Dollar und den Währungen der Unterzeichnerländer dieses Abkommens festgelegt wurde, andererseits wurden die Notenbanken verpflichtet, alle überschüssige Dollar auf den Devisenmärkten zu kaufen. Es bestand umgekehrt aber keine Verpflichtung der amerikanischen Zentralbank, überschüssige Devisen anderer Länder aufzukaufen und damit deren Kurs zu stützen.

Umtauschverpflichtung zu festen Wechselkursen – das mutet irgendwie bekannt an. Die früheren Ostblockstaaten betrieben genau die gleiche Politik und knöpften auf diese Weise allen Einreisenden aus westlichen Ländern einen Obolus ab. Man bezeichnete dies als Zwangsumtausch und war zu Recht empört darüber. Es gab allerdings einen Unterschied – bei den Ostblockstaaten waren Privatpersonen davon betroffen, beim Abkommen von B.W. jedoch ganze Nationen.

Was waren die Konsequenzen dieser beiden Bestimmungen des Abkommens von B.W.? Betrachten wir zwei fiktive Staaten. Im Land A kosten die Waren nur halb so viel wie in B, aber der Kurs der beiden Währungen beträgt 1:1. Das wird zur Folge haben, daß die Bewohner von B in den Nachbarstaat zum Einkaufen fahren werden, da dort die Kaufkraft ihrer Währung doppelt so groß ist. Logischerweise wird der Kurs der Währung von B sinken, bis das Tauschverhältnis den wahren Wert der Währungen von A und B wiedergibt. Falls jedoch, aus welchen Gründen auch immer, der Wechselkurs auf dem Wert von 1:1 festgeschrieben wird, dann können sich die Bewohner von B durch den unrealistischen Wechselkurs auf Kosten von A bereichern. Verschärft wird dieser Effekt noch, wenn die Bewohner von A verpflichtet sind, die Währung von B in ihre eigene umzutauschen. Hier kann man näheres daüber erfahren.

Die Amerikaner konnten aufgrund der festen Wechselkurse durch Drucken neuer Dollarnoten in beinahe unbeschränktem Ausmaß Anteile des Sozialproduktes der anderen Länder nach den USA umverteilen. Um dies zu verhindern, wurde eine „Goldparität des Dollar“ festgelegt. Die amerikanischen Zentralbank verpflichtete sich, sämtliche Dollarreserven der anderen Zentralbanken in Gold einzulösen, und zwar zum Preis von 35 Dollar pro Feinunze Gold. Es hätten also niemals mehr Dollars in Umlauf gebracht werden dürfen, als Goldreserven der US-Notenbank vorhanden waren. Von dieser Einlösegarantie wurde auch hin und wieder Gebrauch gemacht, und die Goldreserven der USA schrumpften allmählich, unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Ein Staat hätte sich nur dadurch gegen die kalte Enteignung eines Teils seines Sozialprodukts durch die USA wehren können, indem seine Zentralbank die Geldmenge rascher erhöhte als die USA. Einige Staaten wählten diesen Weg, andere versuchten, die Inflation durch Verringerung der Geldmenge im Landesinneren zu drosseln und verteuerten die Kredite. Durch eine wirksame Stabilitätspolitik erhöhte sich jedoch der Anreiz für die USA, weiter frische Dollar zu drucken und vom stabilen Preisniveau in diesem Land zu profitieren.

Tatsächlich finanzierten die USA ihr nicht unbeträchtliches Außenhandelsdefizit durch Neudrucken von Dollar, die sie wegen des Zwangsumtausches in Devisen umwandeln konnten. Alle anderen Länder mußten für die Abdeckung eines Außenhandelsdefizits einen Devisenkredit beim IWF aufnehmen, für dessen Gewährung strenge Auflagen erfüllt werden mußten. Länder, die nach der Konferenz von Bretton Woods dem Abkommen beitreten wollten, hatten nur die Wahl, entweder das Abkommen in der vorliegenden Form zu unterzeichnen oder aus dem Verein frei konvertierbarer Währungen ausgeschlossen zu bleiben, was erhebliche Nachteile für den Außenhandel nach sich gezogen hätte. Die großen Verlierer des 2. Weltkrieges, Japan und Deutschland, traten im August 1952 dem Abkommen bei.

Im Jahre 1969 wollte Frankreich unter Staatspräsident de Gaulle als erstes Land vollen Gebrauch von der Goldeinlösegarantie machen (der IWF hatte inzwischen über 100 Mitgliedsstaaten). Es stellte sich heraus, daß die Goldreserven der USA kaum ausreichten, um diese Forderungen zu befriedigen. Als Folge davon wurde von Präsident Nixon im Jahre 1971 erklärt, daß die Goldeinlösegarantie mit sofortiger Wirkung eingestellt würde. In der Webpage zur Geschichte des IWF heißt es lapidar: „15. August 1971: United States informs IMF it will no longer freely buy and sell gold to settle international transactions.“ Damit war das Vertrauen in den Dollar zutiefst erschüttert, und als Folge davon brach 1973 das Bretton-Woods-System zusammen. Die festen Wechselkurse ließen sich nicht mehr aufrecht erhalten, nicht zuletzt deswegen, weil der Devisenmarkt von spekulativen Geldströmen überflutet wurde. Die Spekulanten erwarteten mit Recht einen drastischen Kursverfall des Dollar.

Analysiert man die Geschehnisse im Nachhinein, so stellt man fest: die USA haben durch die Herausgabe von Dollarnoten praktisch Schuldscheine ausgestellt, die in Gold einzulösen waren. Durch jahrzehntelangen übermäßigen Gebrauch der Notenpresse mußten die USA praktisch Konkurs anmelden, indem sie die Einlösegarantie für verfallen erklärten. Dieses Vorgehen hätte bei Unternehmen oder Privatpersonen drastische Konsequenzen nach sich gezogen und wäre als „betrügerischer Bankrott“ strafrechtlich verfolgt worden. In diesem Falle aber mußten die Notenbanken der anderen Staaten eine drastische Abwertung ihrer Dollarreserven hinnehmen, es wurde weder amerikanisches Vermögen beschlagnahmt noch die Verantwortlichen dafür vor Gericht gestellt.

Allein Deutschland besaß 1971 Dollarreserven im damaligen Gegenwert von 40 Mrd. DM. Im gleichen Jahr mußte der Wechselkurs zwischen Dollar und DM freigegeben werden, da der ursprünglich festgesetzte Kurs von 4:1 auch unter größten Anstrengungen nicht mehr zu halten war. Nach Freigabe der Wechselkurse erfolgte ein rascher Kursverfall, der im Jahre 1980 seinen vorläufigen Tiefpunkt erreicht, als 1$ nur mehr 1.70 DM wert war.

Mit dem unrechtmäßig erworbenen Vermögen wurden in den USA nicht etwa soziale Einrichtungen, Schulen, Spitäler oder ein Gesundheitswesen für die arme Bevölkerung finanziert, sondern das Wettrüsten während des Kalten Krieges und der Vietnamkrieg. Auf diese Weise wurde hauptsächlich Deutschland indirekt in den Vietnamkrieg hineingezogen (die meisten anderen Länder zogen es vor, keine Stabilitätspolitik zu betreiben). Diese problematische Rolle Deutschlands als unfreiwilliger Finanzier des Vietnamkrieges wurde außer während der Zeit der Studentenbewegung 1968 niemals öffentlich diskutiert und hinterfragt.

Mit dem Abkommen von B.W. hatten die USA die Gunst der historischen Stunde genutzt, um ihre internationale Vorherrschaft auf Jahrzehnte zu sichern. Den kriegsgeschwächten Ländern Europas war wahrscheinlich gar nichts anderes übrig geblieben, als die von den USA diktierten Bedingungen zu akzeptieren. Die Annahme, daß den meisten Politikern die Konsequenzen der unterzeichneten Bestimmungen nicht bewußt waren, dürfte nicht von der Hand zu weisen sein.

Auch heute noch sind der IWF und die Weltbank Institutionen, die sich jeglicher demokratischer Kontrolle entziehen. Die Funktion des IWF nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems hat sich wesentlich gewandelt, er vergibt jetzt Kredite an Entwicklungsländer. Die Auflagen, die dabei erteilt werden, berücksichtigen nicht die tieferen Ursachen der Zahlungsbilanzdefizite der Länder der Dritten Welt und tragen somit wesentlich dazu bei, die Misere in diesen Ländern noch zu verschärfen.

Literatur: Bernd Senf, Der Nebel um das Geld Ein AufklArungsbuch. Gauke 1996.

Bernd Senf lehrt seit 1973 als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin. In seinem Buch stellt er leicht verständlich die Mechanismen der Geldwirtschaft, wie Geldschöpfung, Instrumente der Geldpolitik, Ursachen und Folgen von Inflation und Deflation sowie vieles andere mehr, dar.